Hier noch einen inneren Monologes von Mauser. Den inneren Monolog könnte Mauser nach dem 16. Kapitel des Romans „Grafeneck“ geführt haben.

Die Aufgabe:
„Wenn du nicht dabei warst, kannst’s ihm doch ruhig sagen.“
„Ja, wenn.“
„Vielleicht tut der Hochstetter doch noch ‘s Maul auf“, sagt Mauser und trinkt seinen Schoppen leer. (Ende Kapitel 16; Seite 196 unten)

Mauser hat von Waltz nun den Tathergang erfahren, wobei aber nach wie vor einiges ungeklärt bleibt. Nach dem Gespräch im „Pflug“ denkt Mauser darüber nach, wie er vor dem Leichenfund über seinen Vater gedacht hat, wie dieses Bild infrage gestellt wurde und welche „Wahrheit“ sich nun für ihn ergeben hat.

Ich habe auch für diesen Text Mausers Sprachstil benutzt.

Jetzt erstmal nach Hause. Das ist genug für einen Tag.

Dr. Jürgen Schuhmacher. Er ist die Leich’ aus der Lehmkammerhöhle. Aber er war kein Behinderter, wie ich wegen seines Kreidekreuzes vermutete, stattdessen war er der Leiter von Grafeneck. Da wo die ganzen Leute getötet wurden, auch meine geliebte große Schwester Mutz. Ich habe sie nie richtig kennen gelernt – war noch zu klein mit acht Jahren. Vater konnte den Abtransport von ihr damals nicht verhindern, obwohl er Polizist in Buttenhausen war und sich immer für das Recht eingesetzt hatte. Es hat uns damals alle schwer getroffen, auch der Tod von Mutt…
Vater war nach diesem Ereignis nicht mehr derselbe, wie könnte er auch. Erst der Abtransport von Mutz und dann der Selbstmord von Mutter im Keller zwischen all den Zwiebeln und Kartoffeln. Es hat ihn verändert. Es muss ihn fuchsteufelswild gemacht haben. Er hat sich für die Juden eingesetzt, zu Zeiten der Nazis, aber bei unserer Familie konnte er nichts ausrichten. Das muss auch den Gedanken an Rache immer stärker geschürt haben. Bis sich dann die passende Gelegenheit bot. Diese Dreckskerle waren gemeinsam auf der Flucht. Und dann die Reifenpanne. Sie durften einfach nicht entkommen ohne eine Strafe. Als Vater davon erfuhr, muss all die Wut wieder aufgeflammt sein. Der Gedanke an Selbstjustiz dürfte in seiner Situation ein nahezu unvermeidlicher Schritt gewesen sein. Zumindest war er bei der Tat beteiligt. Vater hat sich also die Hände an diesen Dreckskerlen schmutzig gemacht. Aber ist er damit zu weit gegangen? Ich mein’ der Schuhmacher war ein Massenmörder. Das kann man doch verstehen!? Oder hätte Schuhmacher lieber einen Prozess bekommen sollen?
Ich kann Vater jetzt verstehen. Ich hab’ ja beim Leichenfund schon gewusst, dass es was mit dir zu tun hat. Du warst mir in der Höhl’ so nah. Ich war dazu bestimmt deinen Pfad der Gerechtigkeit weiter zu verfolgen, dass weiß ich nun. Das habe ich auch versucht zu tun – hab versucht das Schweigen von Hochstetter und Eugen zu durchdringen. Um dies zu erreichen, bin ich aber auch etwas weit gegangen. Konnte einfach nicht anders. Weiß gar nicht, was mich da geritten hat, dass ich so in Rage war und sie dabei fast mit deiner P04 erschossen hätte.

Es tut mir leid, dass ich dachte, du, mein geliebter Vater, hättest einen Behinderten umgebracht. Ich dachte nur, die Pistole, das Projektil, das Kreidekreuz …
Es war die einzige Erklärung. Ich bin irgendwie erleichtert, dass diese Erklärung nun doch nicht so eindeutig ist. Oder doch? Vater, hast du den Abzug gezogen? Ja? Nein? Diese Ungewissheit. Könnte ich doch noch einmal mit dir sprechen!
Wieso hatte Schuhmacher ein Kreidekreuz auf dem Rücken? War das deine Idee? Eine Inszenierung …
Das muss es sein, was für eine Ironie. Der Täter stirbt in der Gestalt eines seiner vielen „behinderten“ Opfer.
Ich bin froh, dass du keinen Behinderten umgebracht hattest. Stattdessen die Selbstjustiz an dem Leiter von Grafeneck.

Ich bin froh, dass Waltz sein Schweigen mir gegenüber gebrochen hat und mir die Identität des Toten offenbart hat. Auch wenn ich weiß, dass er noch Informationen für sich behält. Wenn die Zeit reif ist, wird er’s schon noch sagen. Ich frage mich wirklich, ob er die Tat damals beobachtet oder nur gehört hat. Er war ja damals noch jung, wird sicher ein schwer Erlebnis gewesen sein …

Ich denke nun kann ich die Geschichte langsam ruhen lassen und mich wieder aufs Unterrichten konzentrieren. Nun, da mein Vaterbild wiederhergestellt ist und Eugen, einer der Täter, nach so vielen Jahren endlich sein Schweigen gebrochen hat.

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